Psycho-Corona

Tipps zur Psychohygiene in Zeiten der Corona-Krise

Inzwischen weiß wohl jeder, wie er sich rein körperlich am besten vor dem Corona-Virus schützen kann. Worüber weniger gesprochen wird, sind die psychischen und sozialen Folgen. Wie kann man sich vor diesen schützen?

Der Shutdown des gesellschaftlichen Lebens, das Kontaktverbot, haben nicht nur Konsequenzen für die Wirtschaft, sie betreffen auch das seelische Wohlbefinden der Menschen in unserem Land. 

Seit Beginn der ersten Einschränkungen bemerke ich einen schrittweisen Rückgang der Lebensfreude. Am Tag 2 des Kontaktverbotes ging ich allein im nahegelegenen Park spazieren. Die Sonne schien. Die Luft war prächtig. Einige Menschen spazierten allein oder zu zweit. Sicher genoss jeder die Natur – jedoch die Äußerungen der Lebensfreude, die ich sonst immer während meiner Spaziergänge wahrnehme, fehlten. Viele waren still, ernsthaft, nach innen gekehrt. Selten bemerkte ich ein Lächeln.

Ich arbeite auch in einem Pflegeheim. Unsere Bewohner müssen jetzt damit leben, dass sie Freunde und Angehörige nicht mehr sehen können und ihr alltägliches Leben stärker als sonst eingeschränkt ist. Wir alle bemühen uns, soviel wie möglich Freude und Lebensmut in unsere Arbeit einzubringen und so wenigstens zu lindern. Kollegen, mit denen ich darüber gesprochen habe, meinen, dass sie viel erschöpfter nachhause gehen als sonst. Und dass sie das endlose Gerede über Corona seelisch runterzieht.

Meine Patienten beschreiben, dass es ihnen schlechter geht als sonst, denn sie haben noch viel mehr Sorgen und seelischen Stress zu stemmen als in normalen Zeiten.

Diese Wahrnehmungen haben mich dazu bewogen, einige Tipps aufzuschreiben, die Ihnen – egal ob Sie Patienten sind oder zufällig über diesen Text stolpern – helfen könnten, seelisch besser durch diese Zeit zu kommen.

Wenn Sie unter Depressionen leiden…

…sind Sie vermutlich besonders anfällig. Der Shutdown des sozialen Lebens hat viele gemeinsame Aktivitäten, die Freude spenden können, vorerst unmöglich gemacht. Das Kontaktverbot fördert die soziale Isolation. Die Art, wie die Neuigkeiten und Informationen in unseren Medien präsentiert werden, kann man als permanentes Bedrohungsmonitoring bezeichnen. Jeder Aspekt der Krise wird breitgetreten, Zukunftsängste hörbar. Viele Menschen, die unter psychischen Problemen leiden, haben solche Gedanken auch in normalen Zeiten in viel zu hohem Maß. Das kann nicht gesund sein!

Wenn Ihre Verzweiflung akut wird…

…sein Sie egoistisch und holen Sie sich Hilfe, wo immer Sie welche bekommen können: Freunde, Kollegen, Psychotherapeuten, Psychiater, Krisendienste, telefonische Seelsorge und… und… und. Da momentan jeder Mensch andere Sorgen hat, müssen Sie viel lauter sein als sonst, um Ihre Not hörbar zu machen. Haben Sie bitte keine Hemmungen! Eine Depression ist nicht Nichts!

Wenn Sie unter Suizidgedanken leiden: Suchen Sie eine psychiatrische Notaufnahme auf, bitten Sie einen Freund um Begleitung oder rufen Sie den Krisendienst an! So schnell es geht!

Bewegung an frischer Luft ist wichtiger denn je

Gerade jetzt ist es wichtig, die eigenen vier Wände zu verlassen, an die frische Luft zu gehen, Sonnenlicht zu tanken. Solche Ausflüge sind momentan auch die einzige Möglichkeit sportlicher Betätigung. Es ist sicher nachgewiesen, dass solche Aktivitäten das seelische Befinden deutlich bessern. Auch bei Depressionen! 

Selbst wenn Sie den Effekt nicht sofort spüren sollten – Ihr Unterbewusstsein muss allmählich und nachhaltig lernen, dass es nicht nur schlimme Dinge gibt. Wenn Sie unter Depressionen leiden, könnte es durchaus etwas dauern, bis es wirkt. Verlieren Sie nicht den Mut! Und außerdem: es ist wahrscheinlich immer noch besser, verzweifelt spazieren zu gehen als verzweifelt daheim zu sitzen.

Bringen Sie Lebendigkeit in Ihren Tag

Auch hier gilt: je mehr schöne Dinge Sie am Tag tun, desto besser wird Ihr Unterbewusstsein lernen, dass die Welt und das Leben schöne Seiten haben. Tun Sie es immer wieder! Alles was Ihnen Freude bereitet (und momentan erlaubt ist), sollten Sie tun. Denken Sie darüber nach, was Ihnen sonst noch Freude bereiten könnte und probieren Sie es aus! Pflegen Sie Hobbys, entdecken Sie neue!

Wenn Sie depressiv sind, dann machen Ihnen solche Dinge vielleicht wenig oder gar keinen Spaß. Tun Sie sie trotzdem! Vielleicht dauert es Tage, bis sie wieder Freude empfinden, vielleicht kürzere Zeit, vielleicht längere. Stellen Sie sich vor, Ihr Unterbewusstsein müsse geduldig erzogen werden, um zu lernen, wie viele schöne Dinge es gibt. Sein Sie mit Ihrem Inneren, welches die Schönheit der Welt nicht glauben will, liebevoll geduldig. Sein Sie mit der Verzweiflung so geduldig und liebevoll wie Sie sich wünschen, dass man als Kind mit Ihnen gewesen wäre.

Ich selbst lese in Krisenzeiten gern Humoristisches oder sehe mir Komödien an.

Humor ist, wenn man trotzdem lacht.

Lachen ist die beste Medizin.

Vorsicht im Umgang mit den Medien

Zu den Medien zählen für mich nicht nur Zeitungen und das Fernsehen – YouTube, Facebook, Twitter oder Instagram gehören ebenso dazu. Die Medien sind der Filter, durch den wir die Welt erleben. Medium heißt „Mittler“. Durch ein Medium wird uns die Realität vermittelt. Wir sehen die Welt quasi durch die Augen derer, welche sie uns präsentieren.

Augenblicklich wird das Corona-Thema bis in alle Einzelheiten ausgeschlachtet. In den Zeitungen, im Fernsehen und in den sogenannten neuen oder alternativen Medien. Mediziner, die sich gegenseitig „zerstören“, Warnungen vor einer Gefahr, beruhigende Worte, Verschwörungstheorien, das Ausmalen einer finsteren Zukunft und vieles mehr. Einfache Nachrichten und Informationen tun es nicht mehr: Jeder versucht, Hintergründe aufzudecken – in zahlreichen Talkshows tummeln sich die Experten. Und wozu? Damit wir möglichst während unserer gesamten Freizeit wie gebannt auf eine Bedrohung schauen und uns mit nichts anderem – schon gar nicht mit Erfreulichem – beschäftigen können.

Was müssen wir wirklich wissen? Wie man sich schützt, was die Symptome sind, wie man sich verhält und welche Maßnahmen die Politik anordnet. Vielleicht noch, ab wann die Fallzahl abnimmt. Der Rest ist Spekulation.

Sie können sich in ganzen 10 Minuten täglich über alles informieren, was für Sie wichtig ist. Der Rest sind „Neuigkeiten“, die morgen schon Schrott sind und Dinge, welche Sie daran hindern, etwas für Sie Sinnvolles zu tun. 

Informieren Sie sich kurz und möglichst sachlich. Alles andere können Sie nicht beeinflussen. Wohl aber, ob sie sich mit Bedrohungen und dem Gefühl der Hilflosigkeit befassen oder etwas für sich tun.

Tun Sie etwas für andere

Gerade wenn Sie durch die aktuelle Situation zur Untätigkeit verdammt sind, ist es wichtig, eine sinnvolle Aufgabe zu finden. Der Sinn verleiht Ihrem Leben Stabilität, gibt Halt. Vielleicht fühlen Sie sich jetzt vom Leben abgeschnitten. Etwas für andere tun, ist der beste Weg, sich intensiv als Teil der menschlichen Gemeinschaft zu empfinden. Und das ist nicht nur dann wichtig, wenn Sie unter einer Depression leiden. Jeder Mensch fühlt sich wohler, wenn er anderen Menschen etwas bedeutet, wenn seine Existenz wichtig ist.

Durchbrechen Sie die soziale Isolation

Nutzen Sie alles was erlaubt ist, um Kontakt zu anderen Menschen zu knüpfen. Telefonieren oder chatten Sie. Gehen Sie möglichst in Gesellschaft spazieren – niemand verbietet Ihnen, nacheinander verschiedene Menschen zu treffen, solange Sie nicht zu mehr als zu zweit auf der Straße stehen. Suchen Sie beim Einkauf das Gespräch mit anderen Kunden oder dem Personal. Ihre eigene Seele wird es Ihnen danken und die der anderen Menschen wahrscheinlich auch.

Bleiben Sie körperlich und geistig gesund.

Ihr

Andreas Poppe

Heilpraktiker für Psychotherapie